Gerhard Walcker-Mayer

gewalcker@t-online.de   08.April 2002

 

Beharrung – Wandel , Apollon gegen Dionysos,

Statik gegen Dynamik, Bild gegen Musik ...

unsere Welt im Umbruch. Oder, was wir an unserer Orgel so lieben, es ist der statische Klang, der uns in die Nähe eines unveränderlichen Gottes führt, und dieses statische Instrument ist es, welches geradezu den Prototyp des Wandels im Instrumentenbau darstellt.

Als Friedrich Wilhelm Nietzsche im Jahre 1872 seine „Geburt der Tragödie, aus dem Geiste der Musik“ der Öffentlichkeit vorstellte, einen Flop würde man es heute bezeichnen, erkannte der letzte Philosoph der Deutschen Romantik, wohl mehr unbewusst als hellsichtig in allen Einzelheiten rational sehend, dass er in diesem Buche das Verhängnis der kommenden Jahrhunderts voraus erahnte : Dionysos gegen Apollon gesetzt, dies war nicht nur Metapher und griechische Tragödie in aller Bandbreite und Tiefe erkannt und ausgegraben, dies war Erkenntnis davon, dass sich ein Lebensprinzip erschöpft hatte, nämlich das statische Weltbild des Menschen.

Der letzte Mensch, es war der Idealist, welcher an feststehende Ideen glaubte, die unveränderlich sind, so wie es der große und göttliche Plato gelehrt hatte. Sokrates, Aristoteles, Jesus  - aber waren die dynamischen Gestalten der Weltgeschichte, welche dem Leben, dadurch, dass es bewegt und vielschichtig ist, und dadurch, dass sie es vorgelebt hatten, Farbe und Reichtum verliehen. Die Bewegung und das Feuer, so lehrte es Heraklit, ist das entscheidende Element der Welt. Leben ist immer Dynamik, Festlegung hingegen, absolute Setzung ist immer Tod. Dynamisch Leben heißt immer gefahrenvoll leben, es heißt an der absoluten Grenze sein, und seine Standpunkte überfragend, im brodelnden Sein auf einem Vulkan stehend immer Untergang und Aufgang in sich spürend, keine letzte Gewissheit mehr zu besitzen. Und es heißt frei - sein, aber existenziell der vollen Angst des nackten Menschen vor Gott in aller Konsequenz ausgeliefert zu sein. Wenn statische Bilder zerbrechen, und man kann heute weder in der Wissenschaft noch in irgendeinem philosophischen System eine feste Größe erkennen, die nicht sofort wieder relativiert wird, dann bricht zuletzt auch das gewohnte Bild eines feststehenden und unveränderlichen Gottes in sich zusammen.

Als die Kirchenväter das Urfeuer des Christentums in statische Formen gegossen haben, als sie es mit den wissenschaftlichen und philosophischen Erkenntnissen ihrer Zeit amalgamierten und zu einer Lehre formten, haben sie aus einem dynamischen Prinzip eine statische Lehre gemacht. Mehr und mehr wurde die Dynamik des Gründers in betonierte Gänge kanalisiert, was das Lebensprinzip und die Liebe erstarren ließ. Wir können dasselbe im deutschen Orgelbau  beobachten, nämlich dort, wo das dynamische Prinzip in die Erstarrung übergeht, da lacht am Ende der Sensenmann, egal nun, ob wir es Verfall, übertriebene Reform oder Historizismus nennen. Wenn das dynamische Prinzip des lebendigen Lebens endet, was ja immer eine Form der Liebe sein muß, und wir auf statischen Pfaden wandeln, nach Sicherheit lechzend, und auf Tabellen und Listen aufbauend, und auf sicheres Wissen vertrauend, dann können wir nur sicher sein, dass es der falsche Weg ist, und dass wir vor einem klaren Tod stehen.

Was nun heute eben das Entscheidende ist, es ist ja nicht die Erkenntnis, dass Dynamik in Statik übergeht und dann eine Erstarrung einsetzt, sondern es ist die allgemeine wissenschaftliche und philosophische Erkenntnis, dass es letztendlich überhaupt keine Statik gibt. Nietzsche, der sich als dynamisches Prinzip verstand sagte in einem Aphorismus : „ich habe hinter mir nicht nur alle Brücken abgebrochen, nein, ich habe alles Land abgebrochen.“ Die Erkenntnis, dass es in der Natur und in der menschlichen Kultur nur „haltlose“ Bewegungen gibt, dass psychologisch z.B.  Glück und Freude nur von vorübergehenden Affekten beeinflusst sind, dass höchste Lust nur Sekundenbruchteile wahrgenommen werden kann, dass jedes Schaffen nur im Prozess des Schaffens seine höchste Blüte findet, und nicht in irgendeiner statischen Akzeptanz, dies alles weitergedacht verändert auf lange Sicht das Bewusstsein der Menschen dahingehend, dass diese Dynamik zu einer existenziellen Totalangst ausarten kann. Man stelle sich nur einen solchermaßen belasteten Orgelbauer vor, der einem veränderlichem Gotte ausgeliefert ist und zudem um die Statik seiner Orgel befürchtet sein muß. (Statik hier natürlich im Sinne von, einen Wurf geschaffen zu haben, der einen möglichst langen Zeitraum überdauert). Diese Angst, so meine ich, in einer Gesellschaft, welche die Dynamik als wirkendes Prinzip akzeptiert hat, wird es sein, die unser zukünftiges gesellschaftliches Handeln stark beeinträchtigen wird. Dies wird das Verlangen nach statischen Welterklärungen lange Zeit aufrecht erhalten, ohne jedoch, dass hier ein echtes Bewusstsein und ein echter Glaube danach noch ansteht.

Die heutige Bildende Kunst ist seit mehreren Jahrzehnten in anhaltenden Auflösungsprozessen. Das stehende Bild ist es, was den statischen Standpunkt so sehr versinnbildlicht. Man stelle sich nur „Raffaels Madonna“ in zweitausend Jahren vor, wie erstarrt es da sein mag. Während das fließende Element der Musik, auch unter dieser Vorstellung nicht zu leiden hat, da sowohl Interpret wie Zuhörer ihre Perspektive und damit die Interpretation gewaltig ändern werden. Dionysos war für Nietzsche das Prinzip der Musik, das er teilweise in Richard Wagner wiederfand, den er dann allerdings  später bitter verleumdete. Die Musik ist nun das Element mit dem wir als Orgelbauer elementar in Berührung kommen, es mag alte Musik sein oder neue. Erstarrung, dies können wir an der geschichtlichen Entwicklung der letzten 200 Jahre leicht nachvollziehen, wird uns sehr übel genommen. In einer Zeit die da ansteht „Dynamik“ als das menschliche Prinzip par excellence zu erklären, da werden erstarrte Salzsäulen und Orgelbauleichen bergeweise aufgetürmt.

© gwm 2002