ergänzt April 2006

 

Gedanken zum Karfreitag

auf einem Apfelbaum  ... am 18.April 2003

 

Oben auf diesem Apfelbaum saß ich vor genau zehn Jahren und habe dieses wunderschöne Stück Natur versucht mit ein paar Pinselstrichen in ein Aquarell einzufangen -  ein Stück Kunst, das mir heute noch viel sagt, fast alles andere sind verwehte Blätter eines Herbstes, der das Leben eben ist, ein beständiges Verblühen.

Beginnen wir eine Wahrheit als Besitz zu betrachten, dann haben wir sie erschlagen. Mit anderen Worten sagt dies Dieter Hattrup in seinem Buch „Die Wirklichkeitsfalle „ (Herderverlag ISBN 3-451-27732-8), wo der Systematik-Professor an der Theologischen Fakultät in Paderborn über die Wahrheitssuche in Naturwissenschaft und Philosophie philosophiert. Paderborn, so sollte man meinen, das riecht nach Kirchenmuff und dunkelster Scholastik, aber weit gefehlt: was Hattrup in seinen Gedankengängen anzubieten hat übertrifft alle Erwartungen, es wird spannend wie in einem Kriminalroman geschürft und herausgearbeitet, wenngleich es Schwierigkeiten bereitet ihm in allen Schritten zu folgen, da er einfach viel zu viele Gedankengänge in seinem Labyrinth  voraussetzt.

„Das 20.Jahrhundert hat alle Utopien der Neuzeit zum Scheitern gebracht, der letzte Rest ist in Krieg und Genozid aufgegangen. Die Menschen sind nicht zu Brüdern und Schwestern geworden, auch hat die Versöhnung mit Natur und Umwelt kaum einen Schritt nach vorne getan“ so beginnt Hattrup sein erstes Kapitel „Wahrheit ohne Interesse“ indem er seine Theorie, dass der Mensch vom „Interesse“ und der daneben befindlichen „Wirklichkeit“ geleitet ist, und dass beides unterschiedliche Quellen entspringt. Wie der Titel verrät, so hat Hattrup zunächst einmal die „Wissenschaften „ im Visier, denen er unterstellt, dass sie sich nur mit einer der vielen möglichen Wirklichkeiten befassen. Das Wort „Wirklichkeit“ drückt  wesentlich besser als das angelsächsische „reality“ aus, um was es hier geht : nämlich um das, was auf uns wirkt. Das Mehr an Wirklichkeit, das alle Begriffe der Wissenschaft übersteigt, das ist Gott. Skeptiker und Relativisten sind Absolutisten, da sie die Natur als die einzig existierende Wirklichkeit behaupten. Damit wird Wissenschaft ideologisiert. Und es erfolgt Keulenschlag auf Keulenschlag bis zum finalen Hieb, den Hattrup der Physik verabreicht : „gerade die Quantentheorie des 20.Jahrhunderts hat die Unmöglichkeit einer begrifflichen Objektivierung aller Wirklichkeit gezeigt“ wodurch uns wiederum gezeigt wird, dass es auch in der Physik nur eine subjektive Wirklichkeit geben kann. (Zum Thema Physik möchte ich unbedingt empfehlen : „ Das Universum in der Nußschale“ von Stephen Hawking, im dtv-Verlag, ISBN 3-423-33090-2 für14.--EUR ) (heute 15.April 2006 empfehle ich das nicht mehr: Lesen Sie lieber Kant oder Interpretationen seiner Schriften, da steht alles viel klarer und deutlicher drin, und vor allem ist es 200 Jahre früher geschrieben, er hat gewissermaßen die Relativitätstheorie vorweggenommen --- oder Sie lesen Parmenides, die wenigen Fragmente, die es von ihm gibt, oder die vielen Deutungen besonders von Heidegger oder dessen Kontrahenten Popper --- das ist schon über 2400 Jahre alt und immer noch aktuelles, glasklares Wissen)

Es leuchtet nach dieser Erkenntnis auf, dass bei nicht voller Objektivierbarkeit der Welt gerade der Welt der materiellen Erscheinungen besonderes Misstrauen entgegengesetzt wird. So bleibt uns der Raum den uns Spiritualität, Geist, Seele, Intuition und alles was uns sonst noch  seit fünftausend Jahren durch die esoterischen Quellen an weiteren Wirklichkeits-Welten zur Verfügung gestellt wurde und es bleibt uns der von den Philosophen Schopenhauer und Nietzsche gepredigte Kultus der Kunst. Seit Schelling hat dieser Kultus den der Religion ersetzt. Hat nun Religion wieder nach dem „Ende der Neuzeit“ an Boden gewonnen, wie der Philosoph Koslowski in seinem Buch „Die Prüfungen der Neuzeit – Über Postmodernität, Philosophie der Geschichte, Metaphysik, Gnostik“ feststellt. Vielleicht aber sind dies alles Räume oder Folien, die mit einer scheinbar objektiven Wirklichkeit verschweißt sind und die weitere Lebensräume bieten, die eben nur dann existieren, wenn wir sie wahrnehmen . Ist es da Sein und Zeit, wie es bei Heidegger ist ?  Hinzu kommt, wie wir aus den Katastrophen des 20.Jahrhunderts erfahren haben und wie wir momentan wieder durch die „US-amerikanische“ Katastrophenpolitik erfahren werden, dass jegliches Wissen und jegliche Wirklichkeit ohne Ethik zur Sinnlosigkeit und zum Nihilismus führt.

Wenn des Menschen höchstes Ansinnen „Profit und dessen Steigerung“ ist anstatt Sinnfindung und hier sei es in der Vereinigung mit einer höchsten Geistigkeit das Heil zu suchen, egal nun auf welche Formeln man das Ganze bringen mag, dann ist es erforderlich, dass die Menschheit ihr meistgedrucktes Buch etwas genauer liest, denn von Profit steht dort absolut nichts drin. 

Und nun lege ich Hattrups Buch etwas zur Seite und rücke meine Gedanken zurecht : wir kennen zwei grundlegende Symbole aus dem Christentum, das Schwert und Jesus, die uns Kampf und Ethik verpflichtend seit zwei Jahrtausenden Ansprüche setzend an uns herangetreten sind. Das Schwert als Kampfsymbol und keinesfalls als Symbol der Gewalt. „Wer sein Leben zu bewahren sucht, der wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“. Das heißt, die Wahrheit kann zur Lüge werden und umgekehrt, je nachdem wie eine Aussage in uns  w i r k t.

Sehe ich mich nun in unserer Gesellschaft heute um, dann sehe ich eine „fette Langeweile die mich angähnt, wo sich ein MacDonaldismus breit macht in den engen Seelen von Winkeladvokaten und kleinen Trickdieben, die das Tagesgeschäft in unserem Alltag dirigieren. Eine Öde und eine auf unterstem tierischen Niveau abgehandelte Bürokratie finde ich da in diesem ganzen „Deutschen Allerweltsalltag“, der dann seine schlimmsten Auswüchse noch im Internet übel hervorquellen lässt, so dass man sich spät fragt : ist denn keine Hoffnung mehr ? Die seelische Verfaultheit unserer Gesellschaft gipfelt auch darin, wie sehr dieser US-amerikanische Weltkrieg gegen die Dritte Welt, von vielen Kleinbürger aller möglichen Farben abgewogen wurde, inwiefern dieser Krieg denn unsere wirtschaftlichen Interessen beeinträchtigen könnte. Erklärte Christen teilten mir mit, dass doch Fasching eines solchen Krieges wegen nicht ausfallen könne. Und darin gipfele der Liberalismus unserer süddeutschen Frömmelei, dass man doch das Schunkeln einer solchen Bagatelle  wegen nicht unterlassen könne. Hier nach Hoffnung suchen? - frage ich mich. Immer wieder kreist ein Gedanke da um eine innere Hülle, der da sagt : nicht die Wirkung nach außen ist die entscheidende sondern die Wirkung in die eigene Mitte. Der innere Ruf einen bestimmten Weg zu gehen will gehört werden, so wie ein bewusst gewordener Traum wahrgenommen und gehört werden will. Wer aus seinem inneren Feuer keine Schlüsse zieht ist ein gar armer Tropf. Die Hoffnung ist also nur dann da, wenn die eigene Quelle der Wandlung und die Selbstheilungskräfte noch aktiviert werden können. Und diese Kräfte können auch von außen initialisiert werden. Dies alles mögen die Formeln der Geheimen Bünde gewesen sein. Den inneren Prozess nach außen zu bringen, das war immer das Problem, weswegen es eben geheim abgehandelt wurde und in der heutigen Zeit sehr komisch klingt, weil wir heutzutage nur auf äußere Wirkung bedacht sind. Also doch noch Hoffnung ?

Ja --  dann leuchtet da ein Licht, und es wird hell und plötzlich klar und rein, und es ist ein kleines Licht, ein kleiner Gott, denn alles Große wurde zersprengt in tausende von Stücken : es ist Arundhati Roy, Schriftstellerin aus einem „Drittland“ das den bornierten Eierköpfen in den ersten und zweiten Ländern die Stirne bietet, und was sie zu sagen hat, das hat Hand und Fuß und Kopf und Recht und Seele und Leidenschaft.

Arundhati Roy „Die Politik der Macht (btb-Verlag, ISBN 3-442-72987-4) beginnt damit, dass die Verfasserin das Bauen von Staudämmen in Indien aufklärt als ein Raubverbrechen der Menschen an der Natur für vorübergehenden Profit. Eine Masche, wie es das Wirtschaftsdenken unserer Erstländer den Drittländern in Form von Globalisierung oder Ökonomie gerne verkaufen. Rund 50 Millionen Inder wurden wegen Staudämmen umgesiedelt, rund 50 Millionen Inder verloren ihre als lächerliche „Idylle“ verlachte Heimat und ihren Boden und landeten wie Ram Bai in irgendeinem Slum in der Großstadt, wo sie fragten, warum hat man uns nicht gleich vergiftet.

Arundhati Roy schreibt in ihrem WelterfolgDer Gott der kleinen Dinge (btb-Verlag, ISBN 3-442-72468-6) einen großen Roman den jeder lesen muss. „Wer weiß, vielleicht ist es das, was das 21.Jahrhundert für uns auf Lager hat : die Demontage des Großen. Großer Bomben, großer Staudämme, großer Ideologien, großer Widersprüche, großer Länder, großer Kriege, großer Helden, großer Fehler. (großer Orgelfirmen) Vielleicht wird es das Jahrhundert der kleinen Dinge sein. Vielleicht macht sich gerade jetzt droben im Himmel der kleine Gott für uns bereit“, so hat Arundhati Roy die heutige Zeit kommentiert und Salman Rushdie, der von Fundamentalisten verfolgte Held sagt „Arundhati Roy kombiniert brillante Reportage mit leidenschaftlicher Stellungnahme.. Ich verneige mich vor ihrem Mut und ihrem Talent.“

Zwei Symbole haben unsere Zivilisation geprägt und das Wort „Zivilcourage“ mitgeprägt : es war Jesus und das Schwert.“ Beginnen wir wieder diese Symbole zu einem lebendigen Fliessen und Leben zu bewegen, lassen wir allen Zynismus und weitgehende Bequemlichkeit fahren unter der Gefahr die uns droht, die so evident und klar vor unseren Augen steht.

 

gwm                Karfreitag  - 18.April 2003

nachfolgend die Bilder um den Apfelbaum, die ich heute morgen aufgenommen habe,

der vor zehn Jahren gemalte Ast heute digital aufgenommen, auch der Hochsitz

mit seinem verwitterten Holz,

an dem Landschaftsbild links oben erkennt man Saargemünd in Frankreich,

also Europa und

Frühling

 

 

 

 

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