In Wien begegnet uns der Tod auf Schritt und Tritt. Wo sonst bitteschön gibts schon ein Bestattungsmuseum? Wo sonst ein "Wiener Lied vom Tod" als Handyklingelton? Georg Kreislers "Danse macabre" ein bittersüßes Todesgedicht aus 1975 in violetter, Bennscher Farbe gemalt, aber eben wienerischer, gründlicher, bösartiger, hat sich mir bei aller "Wien-lustigkeiten" schwer auf die Zunge gelegt, mich röchelnd gemacht, fast "todessehnsüchtig" nach Nekropolita Vienna.

Der Tod Mozarts nach zehn Jahren Aufenthalt in Wien, im Jahre 1791, wo das Genie als Müllsack in ein Wiener Massengrab der Armen geworfen wurde, blendet ein, wie wenig Tod sein kann, wenn das Leben so stark und groß war.

Gedanken an den Tod, das sei ein Trost, ist immer auch Gedenken an die letzte große Transzendenz des Einzelnen ins Reich kathedraler- geistigseelischer Ordnungen, den Übergang ins Ganze. Also Reden über Tod ist Leben, eben eine Etage höher. Der Wiener sagt: "wands Leben wüsd, muasst übers Sterbn redn."

"Es lebe der Zentralfriedhof, und alle seine Toten", auch ein Wiener Lied, von Wolfgang Ambros, zeigt uns sehr deutlich, auf zweierlei Weise, des Wieners Einstellung zum Tod. Erstens: Er soll leben! und Zweitens: Er ist mitten in Wien, beinahe so groß wie eine mitteldeutsche Kleinstadt wie Schwäbisch Gmünd, und er besitzt, last not least, rund 50 Walcker-Orgeln des Typ "A". Eine Art einmanualige Serienorgel also, bei der ähnlich der Truhenorgel, die Windlade in Bodennähe platziert ist.

Diese Orgeln, in den 60er Jahren gebaut, haben heute, wie jüngst in Ebay geschehen, den doppelten Preis ihres ursprünglichen Herstellerpreises. Aber heutzutage werden hier nur noch elektronische Kisten gekauft, die, wie man weiß, nach 5 bis 10 Jahren durch neues Elektroakustika ersetzt werden. Denn "Truhenorgeln" oder vergleichbare Instrumente aus einer Pfeifenorgelwerkstatt kann sich das Unternehmen "Zentralfriedhof" nicht mehr leisten: "Marktwirtschaftlicher Tod, der du so effizient sein willst, kannst nicht a bisserl billiga san?" Oder man sieht: hier die Symbolisierung "Leben" im lebendigen Pfeifenklang, dort der "Tod" im elektroakustischen Sinuston der uns schon von den Intensivstationen her bekannt ist. Der Dauerton ist hier das "Ende", das "Aus", der Tod eben, bei der Pfeifenorgel ist es Stimme Gottes, Leben. Auch dieses duale Tasten zwischen Tartaros und Elysion haben wir versucht mit der Formel AC-DC einzufangen, und in Wien gefunden. Wo sonst, als in dieser Stadt brach der Graben mehr auf zwischen Kultur und Zivilisation, zwischen Nord und Süd, zwischen Abend- und Morgenland.

Keiner der Kritiker jener Serieninstrumente, die lächerliche 50 Jahre mit ein oder zwei Ausreinigungen überstehen, kann diese Situation befürworten. Was fehlt sind eben preisgünstige Pfeifenorgeln, die bei unserer "technisch" gehaltenen Qualitätsvorstellung nicht mehr in dieser Form produziert werden können.

In der St.Peterskirche (1702-1713) mitten in Wien hat Michael Walcker-Mayer mit dem getreuen Wilhelm Reichhold die romantisch angetörnte Kauffmann-Orgel hergerichtet. Das Kegelladen-Werk steht hinter einem bewegten Barockprospekt und weiß den elliptischen Raum mit seinen gewaltigen Wandpfeilern gut zu füllen. Während dem abendlichem Konzert am Samstag, den 25.11.06, bei der uns Zsuzsanna Haidjdú aus Ungarn mit einer grandiosen "Sonata Eroica" von Joseph Jongen beglückte, empfand ich die gewaltige Macht des berruecca (portug.) barrucco (span.) baroque (franz.)[2] - also des barocken Raumes in seiner ganzen Beschwingtheit der dargebotenen Orgel-Musik - ach so angemessen. Die in Marmor plastizierte Musik und jener Puls von der Westempore ins Unendliche, ins Raumlose, Zeitlose, als vordringender Wille, der zu Stein wird und damit ein Ganzes wird, mit dem Raum kopuliert, bewegt hier an diesem Ort ungleich mehr, weil es ein mehrdimensionales Fest wird. Architektur und Musik die sich vereinen. Die Anbetung des "ewigen Raumes", die sich niedergeschlagen hat vom Pyramidenbau über griechische Tempel, Gotik, Renaissance bis zuletzt zu diesen Räumen des Barock, wurde dann nur noch fortgesetzt in reiner Musik. Hier also Aura, Unwiederholbarkeit, Einmaligkeit, und damit passiert etwas außerhalb der Zeit, das zeitlos bleibt.

Diese Orgel hat wunderschöne Einzelstimmen, eine durchschlagende Posaune, die weich ins Geschehen tritt und sich mit den anderen beiden Zungen schön verbindet. Eine Philomena, die warm und angenehm abgeklärt ihre Geschichten erzählt, sich gut mit allen anderen Stimmen vereint, ein zurückhaltendes hölzernes Anblasen erlaubt, sie hat es mir angetan. Ein angenehmes Pleno und ein kräftiges Tutti verschweben in der großen Kuppel des Hauptraumes mit einem herrlichen Echo, das in der mittleren Lage gut 6 Sekunden währt, und die das Statische des Orgeltons unterstreicht und gleichzeitig hinwegbläst: ...doch alle Lust will Ewigkeit - will tiefe, tiefe Ewigkeit!" 

Hierzu gibt es Musik als MP3 files, von Michael Walcker-Mayer (c) aufgenommen in der Kirche St. Peter zu Wien, gespielt von Wolfgang Reisinger am 11.Juni 2006 :

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 O.Lindberg "Gammal Fäbodpsalm- altes Almenlied" bei dem die klangliche Struktur einer "klagenden Oboe" etwas erschaut werden kann.

Auch die Votivkirche in Wien (pdf Opus 306) ist aus einem Todeserlebnis entstanden. Sie gilt als eines der bedeutendsten neogotischen Sakralbauwerke der Welt. Die Entstehung des "Ringstraßendoms“ neben dem Hauptgebäude der Wiener Universität steht in Zusammenhang mit dem Attentat auf den jungen Kaiser Franz Joseph I. am 18. Februar 1853 durch den Schneidergesellen Janos Libenyi. Der Bruder des Kaisers, Erzherzog Ferdinand Maximilian, rief  nach dem Attentat „zum Dank für die Errettung Seiner Majestät“ zu Spenden auf, um in Wien eine neue Kirche zu bauen. Die Walckerorgel in der Votivkirche wurde 1878, zwei Jahre nach der Einweihung der Kirche gebaut. Mit 61 Register auf mechanischen Kegelladen mit Barkerhebeln stellt das Instrument mit der Walckerorgel in Riga die einzig übrig gebliebenen weitgehend unverändert erhaltenen großen Instrumente der Hochromantik aus dem Hause Walckers dar. Wir haben das Glück, dass Elfriede Kandler eine Einspielung vor der Restaurierung von Klais vorgenommen hat, die am 12. Nov. 1986 stattfand. Man hört einzelne Mängel der Orgel, aber man kann auch sehr gut feststellen, dass die klangliche Substanz der Orgel von Klais nicht verändert wurde, was als ganz hervorragende Leistung der Firma bewertet werden muss. Denn im Gegensatz zu Restaurierungen aus anderen Häusern, können wir hier tatsächlich identische deutsch-romantische Klänge hören und unser Verständnis für derlei feine und feinste Klangabstufungen, Schattierungen, zarte Einfärbungen, sensible Zungen und runde, warme Bässe an diesem Instrument schulen - wo andere, dank ihrer plumpen Industrie-Intonation nur laut und trompetenhaft  herumgefingert haben.

Dazu also Musik als MP3 files, aufgenommen 1986 in der Votivkirche zu Wien, gespielt von Elfriede Kandler :

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Zoltán Kodaly "Praeludium" und

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Giacomo Meyerbeer "Krönungsmarsch"

Nun, die Votivkirchenorgel ist anders als die Walcker-Orgel im Mariendom zu Riga von einem ätherischen Schleier zarter Streicher umwoben, während die Rigaorgel ein lückenloses und klares Prinzipalpleno besitzt, das kaum an Hochromantik erinnert. Überhaupt keine Romantik ist hörbar für mich in Winterthur, noch weniger in Schramberg oder Ulm, St. Georg. Technische Restaurierungen von Maschinensaal-Intonateuren eignen sich gut für CD-Aufnahmen, wo man den Regler herunterfahren kann, aber nicht für Musik im metaphysischen Raum. Denn da hört man die Maschine rattern, anstelle der Stimme, auf der man seine Seele zur Pilgerreise empor zu Gott schickt.

Mystik und Technik schließen sich aus. Die industrielle Restaurierung hemmt radikal geistig-seelische Prozesse. Wer Meditation betreiben will und das Technische dazu nicht auf ein Minimum begrenzen kann, der hat keine Chance "Gott zu schauen". Das ist absolut keine kleinchristliche Weihnachtsmarktperspektive, sondern immer ein tiefes seelisches Erlebnis.Und damit meine ich auch, dass der künstlerische Prozess des Schaffens und Schauens eine Form der mystischen Erleuchtung sein kann. Wer dazu allerdings den technischen Prozess, der zweifellos seine Berechtigung hat, nicht auf das Notwendigste begrenzt, wird im Formalen hängenbleiben und nicht auf das Wesentliche stoßen. Dies ist die römische Krankheit aller Zivilisationen und beruht auf Erfahrungen, die jeder Handwerker, der über seine Arbeit zu reflektieren gewohnt ist, irgendwann in bestimmten Größenordnungen macht. Dann hat er seinen seligen topos gefunden, von dem aus er riesige Gebirge überblicken kann - findet er ihn nicht, so bleibt er ewig Maschinist, eben auf das Rufen der oberen Stimmen angewiesen.

 

Einer fast wundersamen Metamorphose entstiegen, hören wir die Orgel der ehemaligen Hofburg in Wien (Op 4252, Bj 1962, 26m/m), die heute im Wienerwalddom in Eichgraben steht. Eine Orgel ist dies, die alle meine Idealvorstellungen von Orgelklang vereint. Warme und weiche Zungen: eine feine, angenehme Trompete 8'. Da ist auch eine Mixtur 6fach auf 1 1/3, die ganz ausgezeichnet zum Pommer registriert werden kann - man glaubt es kaum, keinerlei Penetranz oder Aggressivität. Alle Register sind harmonisch weich und warm, ohne jegliche Schärfe oder Härte. Diese Orgel wurde aus der Hofburg hinauskomplimentiert nach jener altbekannten Methode: "Konstruktionsfehler - Verschlissen - schlechte Materialien - 60er Jahre - nicht mehr reparabel!

 

Michael Walcker-Mayer hat diese Orgel mit einem neuen massiven Eichegehäuse in die Katholische Kirche in Eichgraben eingebaut, Intonation ausgeglichen, aber im Kern beibehalten. Und das ist mehr wert als fünfzig neue Orgeln. Keine Frage, dass natürlich ein spitzer Schreikasten an die alte Stelle der Walcker-Orgel gesetzt wurde, wo sich noch lange die Gemüter über erstaunliche Kostensummen, Funktionalität und Nützlichkeit Gedanken machen werden. Derweil die wunderschöne Walcker-Orgel in Eichgraben ihre sagenhafte Harmonie ausströmen darf. Diese Orgel zu hören, empfehle ich jedem Österreichbesucher. Weil es eben ein Beweis ist, dass vor fünfzig Jahren klangschöne Orgeln gebaut wurden, die wie hier, lückenlos an die Spätromantik mit anderen Mitteln anschließen. Und die alles was wir in Deutschland an neobarocken Orgeln in den 60er und 70er Jahren vorgefunden haben, an Milde segensreich überstrahlt.

(Danke Herr, dass Du mich erhört hast, nach all dem hundsföttischen Geschreie....)

 

Am Ende angelangt, und doch nicht ganz am Ende. Denn wir wollten natürlich noch ein paar Wiener-Gschichten erzählen, zum Beispiel über einen ausgemusterten Domorganisten, der bei der Stephansdom Westemporen-Orgel den Motor einige Wochen laufen ließ, um das Ding endgültig kaputt zu bekommen, was es nun auch ist. Oder, dass man seit Jahren die Orgel bei den Wiener Musikfreunden nicht mehr benutzt, um dann auch so seine Gründe für einen Abriss zu haben, obwohl dort bei den Orgel-Konzerten, außer bei den Orgeleinweihungen, wahrlich keine Spitzenbesucherzahlen erreicht werden. Und doch noch ein Schmankerl ganz zum Schluss: Im nächsten Jahr feiert Walcker-Mayer sein 50jähriges Bestehen in Österreich - wobei so ganz nebenbei gesagt werden muss, dass ich selbst dann 40 Jahre im Orgelbau tätig bin, und meine Lehre bei der Firma W.Walcker-Mayer in Guntramsdorf bei Wien am 1.7.1967 unter der Schirmherrschaft des Orgelbaumeisters Schwind begonnen habe.

(Gerhard Walcker-Mayer) 03.12.2006

 

ANHANG

und hier die klangschönste Walcker-Orgel Österreichs von Michael Walcker-Mayer (c) aufgenommen am 10.8.05 an der historischen Walcker-Orgel in Graz Herz Jesu, gespielt

von einem fantastischen Stanislav Surin / Slowakei,

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Bach - Fantasie und Fuge g-Moll,     

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BWV 642 - Liebster Jesu wir sind hier BWV 731 -      

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Petr Eben-Prolog "Labyrint der Welt"

FUßNOTEN

[1] AC-DC meint nicht das aufgemoppte Hardrock-Ensemble AC/DC der 70erJahre  sondern die anglophile Bezeichnung für Wechsel- und Gleichstrom. Diese zwei technischen Zustände, die nicht mehr sinnlich unterschieden werden können, sondern nur noch messtechnisch, werden von aller Welt benutzt, ohne zu wissen was dahinter steckt. Selbst dem Elektrotechniker wird das Bild einer Geraden oder einer Welle vermittelt, obwohl es keine vergleichbare Kontinuität in der Natur gibt - nur den Schein davon gibt es. Bei den vielleicht 10 oder 20 höchstbegabtesten Physikern ist von diesen Bildern nichts mehr übrig. Hier ist alles nur noch abstrakte Mathematik, was auch in Zeichen, Formeln und Symbolen kaum noch weitergegeben werden kann, weil die Physik am Ende ist - oder am Anfang, was dasselbe ist, wenn man schon vom Tod spricht. 

Wir reden hier also von Wien im Bilde einer Wissenschaft, die zu Ende geht, und dann, wie man aus den ägyptischen oder vorsokratischen Wissenschaften weiß, weiter bestehen bleibt als Esoterik - nur noch von Eingeweihten verstanden wird und weitergegeben wird. Also Physik und Kunst reichen sich hier die Hände. So wie Einsteins Relativitätstheorie und Max Ernsts verrätselter Kosmos ein und der selben Idee entspringen. (dieselbe Wertigkeit besitzt)

Daneben aber, um eine populäre Erklärung zu haben, sagen wir, Austrian-Culture-Double-Concentrated, was besagt, wir haben die Österreichische Kultur in doppelter Konzentration zu uns genommen, was leicht geht, weil es sie doppelt gibt. Touristisch kontaminiert zwar, schwermütig, immer irgendwie mit einem habsburgischen Schauder überzogen in Richtung Jelinek, in Richtung Oszönitäten aller Art, und in Richtung Böhmen, Mähren und Ungarn. Aber über Wien zu reflektieren, ohne an Thomas Bernhard zu denken, an ein schmutziges Tischtuch im Cafe um die Ecke, ohne an den typischen Wiener Kellner zu denken, an den "Braunen" in allen Varianten - das eben gerade geht nicht. Der Wiener Kellner, der uns mit schmierigem Toupee nachts um 23 Uhr fragt: wollns schpäisen?", um unsere Antwort zu erhalten:"Nein danke, wir benötigen jetzt keine Toilette",den gab es zwar nicht, aber einige vergleichbare.

Das Gegensatzpaar AC-DC haben wir in einer weiteren Fußnote Tartaros und Elysion weiterverarbeitet, was elementare metaphysische Erkenntnisse zutage bringt. Den Begriff "Wissen" wollen wir in solchen Dingen weitgehend meiden, um nicht mit "Wissenschaft" verwechselt oder gar infiziert zu werden.

[2] BAROCK, zu diesem Begriff lässt sich viel und Bedeutendes sagen. Ich habe Hans Heinrich Eggebrechts "Musik im Abendlande" herangezogen, in dem die genannten Worte (Barockinitialien) dreier europäischer Sprachen "warzige, unregelmässige Form von Perlen" bezeichneten. Und schließlich fand Eggebrecht im Dictionairre de musique (Paris 1768) BAROCK. Eine barocke Musik ist jene, deren Harmonie verworren ist, überladen mit Modulationen und Dissonanzen; ihr Gesang ist hart und wenig natürlich, ihre Intonation schwierig und ihre Bewegungen gezwungen. Heinrich Wölfflin hat in seinem Buch Renaissance und Barock (1888) den "Barockstyl" als geschichtliches Phänomen beschrieben und in seiner Schrift über Kunstgeschichtliche Grundbegriffe (1915) das Barocke als ein geschichtsübergreifendes Merkgeflecht des Bildens und Sehens zu erfassen versucht.

[3]Tartaros und Elysion, ein vorantikes Gegensatzpaar. Der Tartaros entspricht dem nordischen Hel, dem Hades. Für den nordischen Menschen ist dies der Ort, an dem das taterfüllte Leben zu Ende gegangen ist, wo die Willenskraft endet - für den Griechen und Ägypter  ist es ein Ort, wo die Sonne nicht mehr hindringt. Der Totenkult des Nordens ist Ahnenverehrung, Andenken an die "parentes" und nicht wie im Süden, wo die Vorstellung von zwei Totenländer, nämlich des Tartaros und des Elysions, sich manifest hat. Das eine Land wünscht man sich, das andere den Feinden. (Tartaros die Hölle, Elysion als die Insel der Seligen) Im viel späteren Christentum wirkte dann noch die Rache der kämpferischen Völker hinein, die Rache, die man im Leben nicht wagte, sie kommt im Bild der Hölle zu ihrem Recht. Gar die tapferen Normannen sahen im richtenden, lohnenden und strafenden Herrscher der Toten dem "Krist" eine mächtige Gestalt, der sie sich bald bedingungslos unterwarfen. Hier in dieser Formel von Tartaros und Elysion liegt  übrigens das Grundmissverständnis zwischen Abendland und Morgenland begraben - der Grundirrtum zwischen Christentum  und Islam. Im Ägypten des alten Reiches bildete sich eine widerspruchsvolle Vorstellung vom Totenland im Westen aus, dort wo die Sonne versinkt. Der Blick nach Westen war der Blick ins Totenland, in die Unterwelt, ins Jenseitsland. Die Vorstellung vom "Toten" galt den Ägyptern als "dem Westlichen" .(Kees - Totenglauben und Jenseitsvorstellung der alten Ägypter). ( Tart = ferne Westen) Der Glaube an Tartaros und Elysion wurde zu alten Zeiten gelebt, die Schifffahrer bewegten sich nach "religiösen" z.T. in hochentwickelten Riten in Richtungen auf dem Mittelmeer, so wurde Metaphysik durchlebt und geschaut, und erst viel später in Begriffe festgelegt und damit als Religion ausgebildet. Was heute davon übrig ist, in den arabischen Ländern kann nur noch unter metaphysischen Gesichtspunkten verstanden werden. Hierzu sind Künstler und Metaphysiker gefragt und keine Rationalisten anglophiler Prägung, die, wie man weiß, wenn man den letzten Spiegel gelesen hat mit "Ursprung der abendländischen Kultur im alten Griechenland" auch unsere Journaille schon vollständig beherrschen. Heute könnte man sagen, die Menschen wünschen sich eine Neue Zeit (Elysion) weil sie sich nicht mehr zurechtfinden in der heutigen (Tartaros).  Dazu würde man aus kulturphilosophischer Sicht sagen: "Lasst doch die alte erst mal zu Grunde gehen"! (auf ihren Grund gehen - und damit tiefer werden)

 

 

 

BILDHINWEIS

Das dargestellte Bild death and producer  (erstes Bild oben rechts) ist von

Christoph Turecek
Auhofstraße 84/2/25
A-1130 Wien
Email:
stoffo@gmx.at

web :  http://www.totentanz-online.de/kuenstler/turecek-text.htm

dem wir ganz herzlich dafür danken - und  freuen unsmit ihm, vielleicht eine Gelegenheit mit Orgel irgendwann realisieren zu können. Das Bild hat mich durch zwei Elemente stark fasziniert, es ist das Quadrat als ein Symbol der "Selbstwerdung" und die Diagonalen, welche "Leben" sagen. Aber auch, seit dem sich Phytagoras als erster Lehrmeister der antiken Mathematik mit Zahlen beschäftigte, "Irrationalität". Denn die Diagonale als Ö2 zur  Quadratseite ist eine irrationale Zahl, welche die Griechen lange vor  der Kreiszahl pi 3,14.... intensiv beschäftigte und das das sonst sehr harmonische Weltbild der phytagoräischen Mathematik in ihren Grundfesten erschütterte. Der Tod im Bild hat keine "Diagonale" hingegen der Lebende. Der Tod also ist rational fassbar, so wie alles womit sich die Wissenschaften beschäftigen können "tot sein muss". Mit dem Lebendigen, sich ständig  wandelnden, "irrationalen" Leben kann Wissenschaft nichts anfangen.

 

Ulrich Theißen

AC-DC in Wien II

 

Eigentlich hätte es ein Wochenende wie jedes andere werden sollen, aber als mich die Einladung von Michael Walcker-Mayer erreichte, hatte ich mich der für Wochenendorganisten üblichen Termine mit zwei Telefonaten schnell entledigt bzw. einem Berchtesgadenener Nachwuchstalent noch eine Freude bereitet. Ein Wochenende in und beim vorweihnachtlich gestimmten Wien, einige interessante Orgeln (darunter Walckers Opus 5940), eine Aufführung des „Don Giovanni“ in Stift Lilienfeld, mein Stammlokal „Zwölf-Apostel-Keller“ und last but not least die Gastfreundschaft der Walckers in Guntramsdorf bei Mödling sowie ein Wiedersehen mit meinem „bulgarischen“ Freund und Mitstreiter Gerhard Walcker-Mayer und den zu erwartenden interessanten und lebendigen Gesprächen über Orgelbau, Philosophie, Gott und seine oft genug skurrilen Vertreter in der Welt – so etwas durfte ich mir nicht entgehen lassen. Zudem war es eine gute Gelegenheit, meinen nagelneuen Volvo V50 etwas einzufahren.

 

Noch bis vor wenigen Jahren hat man über solche Instrumente die Nase gerümpft: elektropneumatische Ware von der Stange, Vorkriegsware, Mittelkriegsware, Nachkriegsware, Ersatzwerkstoffe, Säuselklänge gepaart mit Magnetgeklapper. Nicht so im  herrlichen ovalen Kuppelbau der St. Peters-Kirche im Zentrum Wiens: Die Orgel des unglücklichen Meisters Kauffmann, der sein Opus maximum, die Wiener Domorgel, ein „Geschenk der Bundesrepublik Deutschland“, wie noch heute eine Tafel im Stephansdom stolz vermeldet, nie richtig fertig stellen konnte. Seither gilt der vor allem klangliche Torso als „schlechteste Domorgel der Welt“, ohne je eine zweite Chance erhalten zu haben. Doch in St. Peter konnte Kauffmann die Orgel des Franz Josef Swoboda von 1903 umbauen und erweitern, und nach einer Renovierung durch Michael Walcker-Mayer erfreut sich das Instrument hinter dem konkaven spätbarocken Prospekt einer nie dagewesenen Beliebtheit, ebenso wie die Peterskirche, die trotz der barocken Pracht eine mystische Stimmung verbreitet und zum „Gott schauen“ einlädt. Üppige Kerzenspenden haben inzwischen auch in der Orgel wieder ihre Spuren hinterlassen, das Instrument wird häufiger genutzt, als man zunächst dachte. Aber uns Organisten freut es ja, wenn Kirchenobere die Orgel klingen hören wollen, anstatt sie „geschont“ zu wissen. Auf Anweisung von Gerhard spiele ich improvisatorisch einige Register durch, deren Klänge er aufnimmt: die durchschlagende Posaune, die Oboe, schöne Flöten und Streicher. Das Instrument hat Charme, auch ohne die einst geplanten „Kirchenglocken“. Wir freuen uns mit ihm über die zahlreichen Besucher des Konzerts der Ungarin Zsuzsanna Hajdú, das für uns beide umrahmt war von obligatorischen Kaffeehaus- und „Zwölf-Apostel-Keller“-Besuchen. Ein heißer Tipp für Wien-Liebhaber. Gute Hausmannskost, süffige Weine, grantelnd-liebenswürdige Kellner und eine einzigartige Stimmung drei Stockwerke unter der Erde. Vergangenheit wird lebendig und fassbar. Gespräche über Europa, das arme und das reiche, über den „Europacharakter“ der südosteuropäischen EU-Beitrittskandidaten, über unsere bulgarischen Erlebnisse, insbesondere „balkanische Träume“ als Väter der Realität … oder als deren Überwinder?

Vielleicht interessiert es die Leser dieser Seiten, dass der nunmehrige Professor für Slawistik und leidenschaftliche Organist und Orgelfreund Ulrich Theißen seit dem 6. Lebensjahr in Orgeln herumkriecht, Orgeln bestaunt, Bildbände von Orgeln „verschlingt“ und gar aus Lego Orgeln nachgebaut hat. Eine der ersten „erkletterten“ Orgeln in Schesslitz bei Bamberg war von Walcker (1962), ebenso eine meiner Bamberger „Vertretungsorgeln“. In der Folge habe ich spielenderweise die Höhen und Tiefen dieser Firma miterleben und manchmal nachfühlen können. Ein genauer Blick auf die vielgescholtenen Walcker-Orgeln der Sechziger und Siebziger zeigt, dass auch sie bisweilen ungeahnte oder von „Ideologen“ bewusst ignorierte Qualitäten haben, bzw. dass auch andere Firmen nur mit Wasser kochen. Nachdem ich 1993 noch Werner Walcker-Mayer und seine Visionen von der Orgel der Zukunft (für mich etwas zu visionär) kennenlernen durfte, ergab sich 2002 die Zusammenarbeit mit seinem Sohn Gerhard und ein schöner und spannender Sommer in der bulgarischen Donaustadt Russe, wo unsere Restaurierung einer Voit-Orgel zu einer hierzulande unüblichen medialen Sensation geriet – unüblich zumindest, was Orgeln betrifft. Am zweiten Tag meines Wien-Wochenendes ging es nun an das neueste Instrument aus der Walcker-Tradition: In einer 1904 gebauten, wegen der Nähe zum Krankenhaus wohlig (und konstant!) geheizten Kirche und in einem historischen Gehäuse von 1907 (Rieger) stehend, deutsch-romantisch orientiert, kräftig im Klang, aber immer angenehm und ohne Schärfen.  Nicht nur Mendelssohn, Rheinberger und Reger sind sehr gut auf dieser Orgel aufgehoben. Allein die offenbar neueste Generation von Setzeranlagen, die in der Vorsatzleiste lediglich die Sequenzerknöpfe enthält, wirkt gewöhnungsbedürftig, auch die Perspektive, das Crescendo nur noch über den Setzer betätigen zu können. Der „gute alte“ Rollschweller ermöglicht da doch einen anderen Zugriff bzw. Zu-Tritt. Auch diese Orgel wird geliebt und gespielt, unter anderem von Schwester Samuila, die aus Opava/Troppau stammt und bei unserer Ankunft gerade mit einem Stück von Petr Eben beschäftigt ist. Der Besuch des Cafés gegenüber zeigt, das Orgelbauer und Organisten nicht nur in kirchlichen Milieus Popularität genießen: Das Café „Carmen“ scheint während der Montage der Orgel in der Herz-Jesu-Kirche zum Stammlokal geworden zu sein.      

Nach dem Aufwärm-Kaffee büßen wir unsere Kaloriensünden wieder in einer winterlich kalten Kirche: Nach etwa halbstündiger Autofahrt ist uns die Gnade einer Viertelstunde gewährt, um die Orgel des „Wienerwalddomes“ in Eichgraben kurz zu sehen und zu spielen. Auch so ein Beispiel eines „unzeitgemäßen Instruments“ aus den „verruchten Sechzigern“, das einem Neubau von Kuhn weichen musste und nun dank weitsichtiger Orgelfreunde zur „Domorgel“ avancieren durfte, umgeben von einem neuen Gehäuse Michael Walckers und versehen mit neuen Prospektpfeifen. Der ehemalige Organist der Hofburgkapelle, Prof. Alois Forer, hatte sich bei diesem qualitätvoll gebauten und ausgewogen intonierten Instrument durchaus viel gedacht. Sein Ideal einer klassischen mechanischen Orgel, auf der (fast) jede Literatur gültig darstellbar ist, kommt bei der Hofburg-Wienerwalddom-Orgel überzeugend zur Geltung. Es ist zumindest keine „neobarocke Kreissäge“. Die klassische Literatur ist gut darstellbar, und „romantisches Flair“ gelingt auch ohne Vox coelestis.

Karen de Pastel, Organistin und Komponistin, kirchenmusikalische Hausherrin des Stiftes Lilienfeld und „Kulturmanagerin“ des Ortes, versucht sich hin und wieder auch als Dirigentin großbesetzter Orchester, und als Regisseurin, und das mit Erfolg: Nach warm-eisigen Orgelerlebnissen ist der Sonntagabend einer Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ in einem ehemaligen Schlafsaal des Klosters gewidmet. Der „Schlafsaal“ ist ein unterirdischer großer Raum mit zwei Säulen und einem Gewölbe, dessen Akustik angesichts der geringen Höhe erstaunt, ist es doch nicht gerade ein Kammerorchester, das das Geschehen auf der Bühne mitgestaltet. Karen de Pastel und der Dirigent hatten eine „publikumsfreundliche“, leicht gekürzte deutschsprachige Fassung der Oper mit gesprochenen Dialogen gewählt, die 1801 entstanden war und auf der Wiener Fassung basierte, also mit der Höllenfahrt des „bestraften Wüstlings“ endete. Die Begeisterung äußerte sich in frenetischem Applaus nach fast jeder Musiknummer und nach den von Karen de Pastel in humorvoller Distanz vorgetragenen Inhaltsangaben. Das Bühnenbild war knapp, die Eingangstreppen mit in das Geschehen einbezogen, die Kulissen kamen wirkungsvoll aus dem Beamer, Scheinwerfereffekte taten das Übrige. Orchester wie Sängerensemble bestanden aus jungen, ambitionierten Musikern der Region, und manchen Stimmen sollte man eine gute Karriere voraussagen können. Dieser „Don Giovanni“ war ein Erlebnis, stellenweise auch für die Lachmuskeln, ich hätte an diesem Abend nicht mit einer aufgetakelten und überteuerten Aufführung mit Promi-Besetzung tauschen mögen.   

Ob das Angebot Karen de Pastels, mich während der Opernpause auf ihre Hradetzky-Orgel zu lassen, ernst gemeint war? Ich hätte, bei aller Orgelliebe, das Nachklingen von Mozarts „wirksamstem“ Bühnenwerk nicht durch Mixturen aus Krems stören wollen. Lilienfelds Orgeltüren stehen mir auch später offen.

Nach einem von etwas Müdigkeit, aber sonst glänzender Laune gekennzeichneten Frühstück geht es am Montagmorgen mit Gerhard nach Baden, wo sich neben vieler Prominenz auch Konstanze Mozart auskurierte, während ihr Mann über seinen Tod und die Musik nachsann, die im doppelten Sinne sein Requiem werden sollte. Mit Orgel ging es los, mit Orgel hörte es auf, und so „musste“ ich noch ein Instrument in der Nachbarschaft der österreichischen Walcker-Werkstatt besuchen und spielen, das auch in der Lage ist, Mythen über die Sechziger Jahre zu revidieren. Und irgendwie erinnerte dann auch noch die zweiteilige Aufstellung und Prospektgestaltung an jene Schesslitzer Orgel meiner frühen Kindheit. So schließt sich der Kreis irgendwie bzw. die Welt wird in manchen Momenten immer kleiner. Nach einem von Michael Walckers Frau Patricia kunstvoll gefertigten und deftig gewürzten „slowakischen Gulasch“ und einem (schon wieder) kalorienreichen Nachtisch (Schokoladenpalatschinken) führen die Wege wieder auseinander. Vielen Dank für diese schönen, erlebnis- und abwechslungsreichen „interdisziplinären“ Tage.  

 

 

Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr.
THEIßEN Ulrich

Stv. Vors. der Curricularkommission
Sprach- und Kulturwissenschaft

Akademiestr. 24, Zi. 216, 5020 Salzburg
Tel: +0043-662-8044-4503
Fax: +0043-662-8044-160
e-mail: ulrich.theissen@sbg.ac.at
www.uni-salzburg.at

 

   

Impressum : 

Besitzer : Orgelbau Gerhard Walcker-Mayer

G. Walcker-Mayer (gwm) gewalcker@t-online.de

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Telefax 0049 6805 91 3974