Zurück in die Zukunft der Orgel

Gerhard Walcker-Mayer Feb.2006

Vor einigen Tagen erwachte ich aus einem Traum, bei dem die Zuhörer in der Orgel platziert waren, während die Pfeifen auf Einzeltonladen sorgsam in den Bänken der Kirche aufgereiht waren. Am Altar dirigierte eine Person das Heer der Pfeifen, oben auf der Empore im Orgelgehäuse herrschte die Stille der Zuhörer.

Unwillkürlich erinnerte mich dieser Traum an John Cages "Verlassen der geordneten Strukturen" oder an die in den Sechziger-Jahren aufgeführten Werke Mauricio Kagels, wie "Diaphonie", Werk für Chor und Orchester und 2 Diapositivprojektoren. Also an die Versuche scheinbare und gegebene Ordnungen umzukehren. und daraus neue und unbekannte Experimentierfelder aufzubauen.

Kein Wort mehr davon heute.

In unsere Zeit hat die Technik so umfassend eingegriffen, dass neues und geistiges Erfassen abgewürgt wird. Eine unheimliche Idee flackert aber am Hintergrund der Zukunft auf.

Das an den christlichen Zeitbegriff mahnende Orgelspektakel in Halberstadt z.B. hat sich mittlerweile als populistischer Gag installiert, und es scheint mir nicht wert auch nur einen Gedanken über jenes Gaukler- und Narrenspiel der vereinigten Bild- und Medien und Kirchen Deutschlands zu erörtern. Je lauter und bunter die Präsentationen vor sich gehen, je weniger versprechen sie Glaubwürdigkeit. Die am Markt vorgeführte Prostitution von Firmen und musikalischen Beratern entbehrt jeder Redlichkeit. Am Wenigsten glauben wir an inbrünstige Gebete vor laufender Kamera.

Das "Umkehren" von Sachverhalten, wie im obigen Traum angedeutet, verspricht aber neue Perspektiven, neue musikalische Dimensionen. Das Rütteln an festgefahrenen Seh- und Hörgewohnheiten sensibilisiert für eine Vertiefung und macht den Raum frei für eine Erweiterung aller Sinne. Dazu gehört Askese und dazu gehört Maßlosigkeit. Alles zu seiner Zeit.

Dazu gehört auch der unbedingte Wille "das Neue an sich herankommen zu lassen" und gegebenenfalls an der dort entstehenden Gefahr zu scheitern. Dazu gehört aber auch die Analyse, in welcher Hör- und Sehgewohnheit wir heute eingeschwenkt sind. Letztendlich wer wir selbst sind.

Dies alles kann man heute nämlich  sehr stark in Zweifel ziehen, wie es Mathematiker und Physiker in der anglo-amerikanischen Wissenschaftsszene postulieren.

Ob Zeitreisen möglich seien, wurde von allen Koryphäen der Naturwissenschaften durchleuchtet und in einzelnen Fällen jahrelang berechnet. Mit dem Ergebnis, dass es sowohl in die eine wie in die andere Richtung machbar sei, vorausgesetzt, dass man die Energie unserer Galaxie dazu verbrauchen darf. Am Ende aber aller Berechnungen kommt man auf ein Resultat, das kaum einen philosophisch gestimmten Menschen verwundert. Nämlich, dass in Zukunft Zeitreisen in die Vergangenheit möglich sind, weil sie "virtuell" durchgeführt werden können.

Nehmen wir an, dass ein riesiges Datenmaterial über Johann Sebastian Bach vorhanden sei. Nehmen wir weiter an, dass fehlende Bezüge durch sehr wahrscheinliche Daten ergänzt werden, und dass unbekannte Fakten durch Analogien aufbereitet werden. Und nun nehmen wir noch an, dass die Menschheit 200 oder 300 Jahre an dieser Welt Bachs arbeiten kann und das Ganze mit neuester Technik aufbereiten kann, weil die finanziellen Mittel dafür da sind. Der Fakt, dass die Menschheit noch hunderte Jahre währt, wäre eigentlich der unwahrscheinlichste, doch sollten wir diesen verneinen, so wäre ja die gesamte Zukunft ad absurdum geführt. Geschichte, Zeit und Raum sind an Menschen gebunden, ohne Menschen gibt es weder das eine noch das andere. Wenn also die Weiterentwicklung der Technik, wie wir es seit 200 Jahren gewohnt sind, weitere 250 Jahre anhält, dann wäre eine solche Real-Synchronisation wie beschrieben, ein Kinderspiel. Unseren Urenkeln würde in aller Unschuld ein leibhaftiger Johann Sebastian Bach Auskunft geben über seine Vorstellungen über Orgelbau, und er würde sich dabei an eine der hunderten Kopierorgeln von Gottfried Silbermanns setzen, hier ein Praeludium, dort eine Fuge, und hier ein Kommentar, "die Zimbel etwas silbriger bitte". Das ist nicht nur denkbar, das ist sogar Programm.

Also so gegen das Jahr 2250 präsentiert ein Institut eine Zeitreise direkt in den Alltag Johann Sebastian Bachs. Wir können nämlich dann durch einen erweiterten Synchronisationsbegriff direkt mit dem großen Musiker kommunizieren und ihn nach Einzelheiten über seine Vorstellung über Orgelbau, auch der der Zukunft exakt befragen. Der Grund dieser ganzen komplexen Synchronisation beruht eben auf einer riesigen Menge an Daten und auf der Schnelligkeit, mit der diese Daten verfügbar gemacht werden. Wir können sogar im Angesicht der zehntausendmal gehörten Fugen und Präludien den großen Meister darum bitten weitere Werke zu verfassen. Eine echte Zeitreise würde deswegen stattfinden, weil die Vergangenheit tatsächlich weiterhin in die Zukunft wirken würde. Die Vergangenheit würde nicht mehr vergehen, sie würde mit der Zukunft verschmelzen.

Das große Problem, das sich stellt, und zwar nicht erst in 200 Jahren sondern bereits heute, während wir dieses Zukunftsszenario erkennen. Es ist das Problem, dass wir Wirklichkeit und Synchronisation nicht mehr unterscheiden können !

Um diesen Sachverhalt verstehen zu können, möchte ich einfach nur mal auf die heutige Generation von "Shootergamers" hinweisen. Hier haben wir es mit der ersten oder mit der zweiten Generation zu tun, die einen erheblichen Teil ihrer Freizeit mit virtueller Realität verbringt. Der Begriff "Wirklichkeit" stammt aus der deutschen Mystik und wurde für das lat. actualitas geprägt, und besagt, dass sich das Sein im Wirken kundtut und vollendet, also das was "wirkt". Hier gibt es einen Unterschied zum angelsächsischen "real" (lat. res= Sache). Allerdings haben sich die beiden Begriffe angenähert. Wir können heute in der Umgangssprache zwischen den beiden Worten kaum einen Unterschied feststellen. "Was Wirkung zeigt, ist real", wer also Angstgefühle von einer realen Bestie bekommt,  ist deswegen nicht dankbar, da er es nun nur mit einer virtuellen Bestie zu tun zu hatte. Die Wirkung auf Unbewußtes ist nicht von Differenzen im realen oder virtuellen Raum abhängig. Es tritt eher die Frage auf, wer und aus welchen Gründen bestimmte Gefühle bei anderen Menschen erzeugen möchte, was aber nicht Gegenstand dieser Betrachtungen sein soll.

Diese Menschen werden nach fünf oder sechs weiteren Generationen absolut nicht mehr zwischen der programmierten Realität die ihnen der Computer serviert und der vom sonstigen Alltag bestimmten Wirklichkeit zu unterscheiden wissen. Die Wirklichkeit des Amerikaners, der nach Hause kommt und als erstes sein TV einschaltet und die des zukünftigen "Shooters", der zwischen den Sequenzen eines Spiels am Coke nippelt, wird in den nächsten vier oder fünf Generationen seine verheerende Wirkungen zeigen. Der Machtkampf der Industrien um Menschen wird ein Kampf sein um virtuelle Räume.

Die Frage der Zeitreise, die seit Einsteins Entdeckung der Relativitätstheorie, in allen Formen von Literatur und Wissenschaft immer wieder auftaucht, ist eigentlich eine Frage nach der Zeit schlechthin. Bei jenem virtuellen Poker von Industriegiganten wird dieses Verlangen der Menschen nach "Ausbrechen aus der Zeit" eines der elementarsten Gründe sein auf denen man arbeitet. Die Zeitreisen zurück in die Zukunft, zu ganzen Kultursippschaften wird das Geschäft der Zukunft sein. Das Geheimnis der Zeit aufklären, in Zeiten einbrechen, die viel mehr versprechen, als die gegenwärtige, das wird der große Renner werden. Einen Vorgeschmack haben wir bekommen durch die Hollywoodfilmindustrie.

Die Dauer unveränderlicher Wesen ist die Ewigkeit, die Dauer veränderlicher Wesen ist die Zeit. Am unveränderlichen Wesen zu partizipieren, das ist der große Menschheitstraum. Im Mittelalter hat man noch unterschieden zwischen tempus und aevum, wobei tempus die Art der Dauer körperlicher Wesen, aevum die Art der Dauer rein geistiger Geschöpfe bedeutet hat. Auch hier kommt uns die Differenz zwischen "materieller" und "virtueller" Existenz entgegen.

Johann Sebastian Bach, um einmal bei dieser Person zu bleiben, hat von 1685 bis 1750 gelebt. Diese Daten könnte man der materiellen Person Bachs zuschreiben, während die geistige Person uns gegenwärtig ist. Außerdem kann diese geistige Potenz mit Synchronisation vitalisiert werden, eine Möglichkeit, die sich uns erst in den letzten zwanzig Jahren offenbart hat. Ob es ein Segen oder ein Fluch ist, sei dahingestellt. Wir wissen, dass alles technisch Machbare irgendwann auch realisiert wird. So wird also die Synchronisation als Zeitreise in die Vergangenheit, was wir bisher nur von lächerlich einfachen Computerspielen her kennen, in einer technisch überwältigenden Weise Einzug in das Leben unserer Kinder und Kindeskinder halten. Wir selbst werden dabei zu Objekten, die zeitbereist werden. Die Intimität der Vergänglichkeit wird damit aufgehoben. Die Befragung der Vergangenheit und Toten wird ins Ungeheuerliche wachsen.

Die Zeit ist an den Raum gebunden. Der Raum weist ein Nebeneinander in der Ausdehnung auf, die Zeit ein Nacheinander, eine Aufeinanderfolge in der Dauer. Vergangenes ist nicht mehr, kann aber aufbewahrt werden. Gegenwart gibt es praktisch und physikalisch nicht, da wir keine kleinste Zeiteinheit als gegenwärtige festhalten können. Die physikalische Zeit ist relativ. Die physische Zeit, um die es hier eigentlich geht, es ist die irdische Existenz eines Ich- und Welterlebens, die der Mensch gestalten kann, in der Freiheit herrscht. Durch die Synchronisation wird diese Freiheit entstellt. Newton glaubte an eine imaginäre Zeit, die gleichzeitig an allen Raumpunkten herrschte, sie ist eine abstrakte Variante der Zeit, die es aber nicht gibt. Newtons Zeitbegriff war nur denkbar mit einem kausal völlig determiniertem Naturgeschehen, in dem es keine Freiheit gab.

Die abschließende Frage, und alles hier ist eigentlich nur Fragen, soll sein, wenn in einer unbestimmten Zahl von Jahren, die Möglichkeit geschaffen wird Synchronisation zu gestalten, die nicht mehr durchschaubar ist, was ist dann heute?  Denn in dem Moment auch, in dem wir wissen, dass unsere Gegenwart von der Zukunft aus synchron besucht werden kann, entsteht eine andere Gegenwart. Ist die Gegenwart also bereits synchronisiert?

Wäre es denn nicht überhaupt möglich, dass wir über die Realität, die Geschichte der Vergangenheit und der Gegenwart durch "synchronisierte Fakten" völlig im Unklaren über tatsächliche Geschehnisse gelassen werden? Synchronisierte Fakten sind zum Beispiel auch die Nachrichten im TV oder in gleichgeschalteten Presseorganen. Im Internet werden kritische Seiten weniger in den Suchmaschinen geführt. Die einsamen Prediger und Propheten in der Wüste, die vor Technik und Industriefaschismus warnen, hört kaum noch einer, weil sie keine Plattformen mehr besitzen.

Eine Frage eines Mathematikers, die mich sehr hellhörig gemacht hat, in diesem Zusammenhang war, "sind wir eigentlich nicht schon alle synchronisiert?"

Alles was uns die Technik in den vergangenen hundert Jahren präsentiert hat, es ist janusköpfig, doppeldeutig, zweischneidig. Sie hat uns die Medizin präsentiert und Ausschwitz, den Computer und Microsoft, Genfood und die Atombombe.

Wenn wir Angst vor der Zukunft haben, so liegt der Hauptgrund in der Technik begraben.

 

gwm  05.02.2006

 

 

 

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